Schweizerische Nationalbank: Hautnah an der Berner Wirtschaft

Seit zehn Jahren fühlt Roland Scheurer als Delegierter für regionale Wirtschaftskontakte bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) den Puls der Berner Wirtschaft. Rund 120 Unternehmensgespräche führt er pro Jahr und weiss dadurch ganz genau, was hiesige Betriebe umtreibt. Getroffen haben wir ihn im Innenhof des Kaiserhauses, mit dem die SNB in der oberen Altstadt einen neuen Begegnungsort geschaffen hat.

Die SNB führt als unabhängige Zentralbank die Geld- und Währungspolitik des Landes. Sie hat zwei gleichberechtigte Sitze in Bern und Zürich; am Berner Standort sind unter anderem die Bereiche Finanzstabilität, Bargeld, Risikomanagement und Sicherheit angesiedelt. Schweizweit beschäftigt die Nationalbank gut 1000 Mitarbeitende. In Bern sind es rund 300 – und einer davon ist Roland Scheurer. Wir treffen den Berner Oberländer an seinem Lieblingsplatz im Kaiserhaus, dem Innenhof. Hier tummeln sich Familien, ältere Menschen lesen und Geschäftsleute diskutieren bei einem Kaffee. Der Ort passt optimal zu Roland Scheurers Funktion: Das Kaiserhaus ist am Puls der Menschen – genau so, wie es der 54-Jährige selbst täglich im Auftrag der SNB ist.




Im Dialog mit der Wirtschaft

Als Delegierter für regionale Wirtschaftskontakte hat Roland Scheurer zwei Hauptaufgaben. «Meine Kolleginnen und Kollegen in den anderen sieben Regionen und ich stehen im engen Austausch mit Unternehmen. In jeder Region führen wir pro Quartal rund 30 Gespräche über alle Wirtschaftsbranchen hinweg», erklärt er. Schweizweit kommen so rund 1000 Gespräche pro Jahr zusammen, davon 120 durch ihn selbst. «Wir wollen dabei den Puls messen und eruieren: Wie läuft es der Schweizer Wirtschaft aktuell?» Neben den messbaren Zahlen wie Gewinne und Umsätze zählen auch die qualitativen Einschätzungen – wie die Unternehmer die aktuelle Situation beurteilen und was sie für die kommenden Quartale erwarten. Auf dieser Basis erstellt das Team der regionalen Wirtschaftskontakte einen Bericht zuhanden des Direktoriums der SNB. Die zweite Aufgabe ist die eines Botschafters: Roland Scheurer hält Vorträge, sitzt in Podiumsdiskussionen und ist an Netzwerkanlässen präsent. «Je nachdem, was gerade ansteht, ist das Interesse an dem, was die SNB macht, sehr gross.»




Frühzeitig auf Trends reagieren

Wieso sind Gespräche mit lokalen Unternehmen für die SNB überhaupt so wichtig? Für Roland Scheurer ist die Antwort klar: «Der Hauptauftrag der Nationalbank ist die Preisstabilität – dass unser Geld den Wert behält. Daher müssen wir konjunkturelle Entwicklungen rechtzeitig erkennen und bei unseren geldpolitischen Entscheiden berücksichtigen.» In Gesprächen mit den Unternehmen erkenne man frühzeitig, wie Firmen beispielsweise mit der Teuerung umgingen und wie das Konkurrenzumfeld aussehe. Durch den laufenden Austausch haben die SNB-Delegierten zudem ein Netzwerk geschaffen, auf das sie auch im Ernstfall schnell zurückgreifen können: «Beim Ausbruch des Konflikts im Iran oder während der Pandemie konnten wir zeitnah bei den Unternehmen anrufen und fragen, wie ihr Betrieb auf die geänderten Bedingungen reagiert. So hatten wir eine gute Grundlage für die geldpolitischen Entscheide.» Seit einiger Zeit beschäftigt die Berner Unternehmen laut Roland Scheurer vor allem die geopolitische Unsicherheit. «Jüngst hat der Konflikt im Nahen Osten zu Preisanstiegen und zum Teil längeren Lieferfristen bei verschiedenen erdölbasierten Produkten – wie beispielsweise Verpackungsmaterialen – geführt.» Die US-Zollthematik sei für exportorientierte Unternehmen zwar weiterhin relevant, habe aber im Vergleich zum vergangenen Jahr etwas an Brisanz verloren. Ein Dauerbrenner dagegen bleibe die Regulierung, besonders bei Bauvorhaben.




Stets im Interesse des Landes

Die SNB ist seit vielen Jahren Teil des Netzwerks der HIV-Sektion Bern: «Der HIV hat spannende Anlässe, viele Unternehmerinnen und Unternehmer treffen sich dort und tauschen sich aus. Das mitzubekommen, ist eine hilfreiche Ergänzung zu den Gesprächen, die wir führen», sagt Roland Scheurer. Auf den Wirtschaftsstandort Bern angesprochen, holt er aus: «Bern ist bekanntlich stark geprägt vom Verwaltungsbereich, weil wir die Bundesstadt sind. Was aber vielen Menschen gar nicht bewusst ist: Bern ist auch ein sehr starker Industriestandort, das geht oft unter.»

Diesen Oktober ist es genau zehn Jahre her, seit Roland Scheurer seine Tätigkeit, als Delegierter für regionale Wirtschaftskontakte, angetreten hat. Dorthin gelangte er auf einem vielfältigen Weg: Nach einem Studium der Wirtschaftsgeographie und Volkswirtschaft sowie einer Promotion war er als Unternehmensberater, Fachhochschuldozent und Gymnasiallehrer tätig. «Als junger Familienvater war es mir zu riskant, ausschliesslich selbständig zu sein», erinnert er sich. 2016 stiess er dann auf das Stelleninserat der SNB – kurz nach der Aufhebung des SNB-Mindestkurses. «Mich hat die Verantwortung gereizt, die die SNB trägt – die Geldpolitik im Gesamtinteresse des Landes zu führen.» Voraussetzung für seine Rolle ist nicht nur ein breites ökonomisches Fachwissen. «Noch fast wichtiger ist es, ökonomische Zusammenhänge stufengerecht vermitteln zu können, sei es vor einer Schulklasse oder einem Fachpublikum. Das ist das, was zählt.»




Das Ziel im Blick: im Sport wie bei der SNB

2016 war nicht nur das Jahr, in dem Roland Scheurer bei der SNB anfing – es war auch das Jahr, in dem er zum zweiten Mal Ultra-Triathlon-Weltmeister wurde. Die Distanzen: 7,6 Kilometer Schwimmen, 360 Kilometer Velofahren und 84,4 Kilometer laufen. «Mir war irgendwann klar, dass ich den Sport – notabene in einer Nischendisziplin – nicht mehr ewig in diesem Ausmass würde ausüben können. Heute könnte man davon mit den sozialen Medien vielleicht leben – damals war dies nicht der Fall.» Mit dem Wechsel zur SNB schloss sich also auch das Kapitel Spitzensport. Vieles davon begleitet ihn aber bis heute: «Man hat ein Ziel und einen Weg, den man konsequent verfolgen muss.» Dabei sei der Fokus entscheidend, gerade wenn es nötig sei, sich einmal durchzubeissen: «Man muss immer visualisieren können, was das Ziel am Schluss ist.» Das gilt im Ultra-Triathlon genauso wie im Unternehmens- und Nationalbankalltag.




Das Kaiserhaus: ein Ort, der verbindet

Ausdauer bewies auch die Nationalbank bei der Umsetzung des Projekts Kaiserhaus, das im April 2026 nach rund sechs Jahren Sanierung neu eröffnet wurde. Statt eines klassischen Warenhauses setzt die SNB als Eigentümerin heute auf eine Begegnungszone mit vielfältigen Nutzungen. «Der Grundgedanke war, einen neuen Anker in der oberen Altstadt zu schaffen – inklusiv, zugänglich, mit einem guten Mix aus Gastronomie, Handel und Kultur», sagt Roland Scheurer. «Früher war hier nur der dunkle Durchgang der Kaiserhaus-Passage. Heute haben wir einen hellen Begegnungsort geschaffen.» Das Kaiserhaus ist für die SNB mehr als ein Immobilienprojekt: Weil die Räumlichkeiten am Bundesplatz 1 zu klein sind, befinden sich in den oberen Stockwerken Büros und Konferenzräume der Nationalbank – auch Roland Scheurer selbst arbeitet hier. Ebenfalls untergebracht ist das Moneyverse, das neue Besuchszentrum der SNB: In einer interaktiven Ausstellung dreht sich hier alles um das Phänomen Geld. Betrieben wird es vom Bernischen Historischen Museum im Auftrag der SNB, der Eintritt ist kostenlos.

Und so schliesst sich der Kreis: Ob im Innenhof des Kaiserhauses, am Gesprächstisch mit Unternehmerinnen und Unternehmern oder vor einer Schulklasse im Moneyverse – Roland Scheurer und die SNB bringen Menschen und Wirtschaft zusammen – und sind nah an deren Bedürfnissen dran.

Bildquellen: Schweizerische Nationalbank, zVg




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