Wirtschaftsupdate Q2: Berner Wirtschaft wächst auf schmalem Fundament
Der starke Jahresauftakt der Berner Wirtschaft setzt sich auch im zweiten Quartal 2026 fort. Die Lage der Berner Unternehmen bleibt jedoch fragil: Das Wachstum stützt sich auf eine schmale Basis, und die Erwartungen für die zweite Jahreshälfte wurden deutlich nach unten korrigiert. Hoffnung besteht auf eine geopolitische Entspannung und einen damit verbundenen Investitionsschub.
Die Berner Wirtschaft konnte den Schwung aus dem ersten Quartal mitnehmen und auch im zweiten Quartal zulegen. Gemäss Schätzungen des Swiss-Reco-Index lag das BIP im Mai 2026 rund 3 Prozent über dem Vorjahreswert – damit wuchs die Berner Wirtschaft deutlich stärker als der gesamtschweizerische Durchschnitt.
Der Swiss Regional Economic Index (Swiss REco) ist eine aktuelle Schätzung des BIP-Wachstums im vergleich zum Vorjahresmonat. Die Schätzung von hpo forecasting und der Fachhochschule Graubünden setzt sich zusammen aus Verkehrsdaten, Stellenausschreibungen, Aussenhandelsdaten, Transaktionsdaten und Logiernächten.
Dieser robuste Jahresstart ist jedoch zu relativieren. Erstens wirkt ein Basiseffekt: Die ersten beiden Quartale des Vorjahres wiesen ein unterdurchschnittliches Wachstum auf, im April 2025 war es gar negativ. Da das Wirtschaftswachstum im Jahresvergleich ausgewiesen wird, erscheint die aktuelle Dynamik dadurch leicht überzeichnet. Zweitens fusst das gegenwärtige Wachstum auf einem schmalen Fundament: Vor allem der Aussenhandel sowie ein deutlicher Anstieg des Staatskonsums trugen positiv zum BIP-Wachstum bei, während sich der inländische Konsum und die Investitionen nur verhalten entwickelten. Drittens haben sich die Folgen des Irankonflikts noch nicht vollständig materialisiert; die Lage bleibt volatil. Entsprechend haben die Unternehmen ihre Erwartungen für das zweite Halbjahr deutlich heruntergeschraubt.
Die Effekte des Irankonflikts auf die Berner Wirtschaft
Der Irankonflikt und insbesondere die zeitweilige Sperrung der Strasse von Hormus liessen die Ölpreise zunächst markant ansteigen und führte zu Engpässen bei Öl- und Gasprodukten sowie weiteren Rohstoffen wie Magnesium. Für ein Fass der Sorte Brent wurden zwischenzeitlich über 115 US-Dollar bezahlt, was seit Jahresbeginn nahezu einer Verdoppelung entspricht. Nach jüngsten diplomatischen Fortschritten sank der Preis wieder unter 80 US-Dollar. Ölpreisschocks wirken sich je nach Volkswirtschaft sehr unterschiedlich aus. Die Schweiz zeigt sich gegenüber steigenden Energiepreisen überdurchschnittlich resilient. Die hiesige Wirtschaft weist eine der weltweit tiefsten Energieintensitäten auf und verbraucht im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nur wenig Öl und Gas. Über alle Branchen hinweg wird vergleichsweise energieeffizient produziert. Im Kanton Bern gilt dies besonders für die stark verankerte Uhren- und Präzisionsindustrie sowie für die Medizintechnik, die beide eine sehr tiefe Energieintensität aufweisen. Anders sieht es in der ebenfalls bedeutenden Metallindustrie aus, wo sich Energiepreise deutlich stärker niederschlagen. Auch der starke Franken dämpft den Effekt zusätzlich.
Meist überwiegen jedoch die indirekten Effekte: Hohe Energiepreise bremsen die Weltwirtschaft und damit die Auslandnachfrage nach Schweizer Gütern. Hinzu kommt die geldpolitische Reaktion der Notenbanken. Auch wenn die Geldpolitik auf Energiepreisschocks nur begrenzt reagieren kann, dürften die Zentralbanken versucht sein, die Zinsen zu erhöhen, um die Teuerung im Griff zu behalten – zulasten der ohnehin fragilen Konjunktur. Die EZB hat die Zinsen bereits angehoben; die SNB konnte demgegenüber auf einen Zinsschritt verzichten, da ihr der aktuelle Preisanstieg nahezu willkommen war.
Das Gastgewerbe hat den Irankonflikt hingegen unmittelbar gespürt. Mit dem Konflikt und den bis heute anhaltenden Einschränkungen im Flugverkehr im Nahen Osten brachen wichtige Märkte von einem Tag auf den anderen weg. Reservierungen von Privatpersonen und Gruppen in Hotellerie, Verkehr, Freizeitbranche und Gastronomie wurden kurzfristig storniert, neue Buchungen bleiben bislang aus. Die Logiernächte von Gästen aus Israel gingen im April 2026 im Vorjahresvergleich um fast 70 Prozent zurück, jene von Gästen aus den Golfstaaten um 55 Prozent. Das leichte Plus der Logiernächte von Schweizer und US-Amerikanischen Gästen vermochte den Ausfall nicht zu kompensieren. Insgesamt lag die Zahl der Logiernächte in der Tourismusregion Bern rund 6 Prozent unter dem Vorjahreswert. Reisende aus den Golfstaaten machen zwar nur einen kleinen Teil der touristischen Nachfrage in der Region aus, verweilen aber deutlich länger als der Durchschnitt: Ihre Tagesausgaben liegen bei rund CHF 500 pro Kopf, verglichen mit durchschnittlich CHF 150 bei Schweizer Gästen.
Hoffnung auf Entspannung und Investitionsschub
Die Industrie befindet sich in einer Dauerkrise. Wie bereits im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit den US-Zöllen wird die Resilienz der Unternehmen in einer Phase erster Aufhellungszeichen erneut auf die Probe gestellt. Eine raschere Entspannung des Konflikts sowie eine schnelle und verlässliche Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus könnten der Industrie jedoch zumindest mittelfristig neuen Schwung verleihen.
Hoffnung besteht zudem bei den Investitionsgütern, jenem Bereich, der von der Unsicherheit am stärksten betroffen ist. Viele Investitionen wurden lange aufgeschoben und dürften nun schrittweise nachgeholt werden. Erwartet werden insbesondere Investitionen im EDV-Bereich, aber auch Rationalisierungs- und Erweiterungsinvestitionen. Dies wäre ein positives Signal für die Wirtschaft. Allerdings bleibt deren Ausmass neben der allgemeinen Unsicherheit auch von der künftigen Geldpolitik der Notenbanken abhängig.