BAND: Wo in Sachen inklusiver Zukunft die Musik spielt

Die Genossenschaft BAND feiert dieses Jahr ein wichtiges Jubiläum. Seit 80 Jahren macht das Berner Unternehmen vor, wie Wirtschaft und Inklusion erfolgreich zusammenspannen. Für Geschäftsführer Christoph Matter ist klar: Unternehmen, die Vielfalt als Bereicherung verstehen, schaffen automatisch offene Strukturen.

Wer beim Namen BAND zunächst an Musik denkt, liegt falsch – wenn auch nicht ganz. Zwar erbringt die BAND als Profi für Handarbeit mit Teilautomation primär Dienstleistungen für Produktion, Outsourcing und Kreislaufwirtschaft. In Sachen Inklusion aber, da zeigt die BAND anderen Unternehmen, wo die Musik spielt. Denn ausgeführt werden die Arbeiten zu einem grossen Anteil von Menschen mit Beeinträchtigung oder Personen, die auf dem Weg zurück ins Arbeitsleben sind. Die Genossenschaft beschäftigt an mehreren Standorten in der Region Bern über 900 Personen, davon 150 Lernende und 400 Menschen mit Beeinträchtigung. «In den vergangenen acht Jahrzehnten hat sich die BAND mehrfach neu erfunden. Heute bezeichnen wir uns als Social Entrepreneurs – wir betreiben verschiedene Geschäftsmodelle und leisten mit unserer Tätigkeit gleichzeitig einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag», erklärt Christoph Matter, Geschäftsführer der BAND.




Breites Portfolio: von der Produktion bis zur Hotellerie

Und diese Tätigkeit hat es sich in sich. Allein der Produktionszweig der BAND umfasst eine mechanische Fertigung, eine System- und Baugruppenmontage sowie eine Elektronikfertigung. Dort werden Aufträge unter anderem von Comet AG, USM Haller oder Fritz Studer AG umgesetzt. Im Dienstleistungsbereich unterstützt die BAND Unternehmen, Waren oder Produkte länger im Kreislauf zu halten und übernimmt Konfektionierungs- und Logistikarbeiten, teils sogar unter Reinraumbedingungen. Darüber hinaus ist die BAND – zum Beispiel mit dem Angebot supporta – ein verlässlicher Partner für Unternehmen, die ihre Organisation inklusiver gestalten möchten. Sie arbeitet eng mit Versicherungen wie der IV und der SUVA zusammen, um Situationen abzuklären und Menschen wieder ins Berufsleben zu integrieren. Ausserdem gehört zum BAND-Universum die Malerei und Gipserei pintora, das Hotel Marthahaus mit 70 Betten beziehungsweise 40 Zimmern in der Berner Lorraine sowie die Hundelodge Bern in Bethlehem. Wie schafft man es, ein so umfassendes Portfolio erfolgreich zu bewältigen? «Mit einem guten Team. Bei der BAND arbeiten Menschen, die für eine Idee brennen und Spass daran haben, eine neue Normalität in der Arbeitswelt zu schaffen und Grenzen zu verschieben», beschreibt Christoph Matter.




Stärken suchen – und gezielt darauf aufbauen

Die Mission der BAND heisst «Gleiches anders leisten». Im Unternehmensalltag bedeutet dies, «dass wir uns auf die Stärken konzentrieren und versuchen, Prozesse neu zu denken. Wir stellen uns die Frage: Was braucht genau diese Person, damit sie bei uns ihre Arbeit bestmöglich machen kann?» Entsprechend gestaltet sich der Arbeitsalltag anders als bei Unternehmen ohne Mitarbeitende mit Unterstützungsbedarf. «Unsere Mitarbeitenden haben im Schnitt tiefere Pensen und es gibt mehr unerwartete Absenzen. Demgegenüber haben wir eine sehr viel lebhaftere Kultur und Vielfalt. Was mir aber am meisten auffällt ist die Motivation: Der Alltag unserer Mitarbeitenden ist häufig sehr herausfordernd, so dass im Unternehmen kaum je jemand jammert», anerkennt Christoph Matter. Trotzdem zählt betriebswirtschaftlich am Ende des Tages das Resultat: Die BAND garantiert wie ihre weniger inklusive Konkurrenz höchste Hygiene-, Lebensmittel- und Prozess-Sicherheit. «Bei den Vertragsverhandlungen mit unseren Partnern ist der soziale Mehrwert am Ende des Tages sekundär und es zählt vor allem, dass wir das Produkt zum vereinbarten Preis in der vereinbarten Qualität liefern können.»




Zusammenspiel zwischen Purpose und Performance

Christoph Matter agiert seit 2022 als Geschäftsführer der BAND. Davor arbeitete er in verschiedenen anderen leitenden Positionen – unter anderem bei der BKW oder der Sihl Group – und engagierte sich parallel dazu für soziale Einrichtungen wie das Arbeitslosenhilfswerk Bern. Die BAND ist für ihn die ideale Symbiose zwischen wirtschaftlichem Denken und gesellschaftlichem Engagement: «Dieses Zusammenspiel motiviert mich seit jeher und in der BAND kann ich beides optimal verbinden.» Der Berner ist regelmässig an den Veranstaltungen der HIV-Sektion Bern zu Gast und schätzt dabei die Möglichkeit zur Vernetzung. «Generell prüfen wir unsere Mitgliedschaften sehr kritisch, weil sie häufig einen grossen Kostenpunkt ausmachen. Der HIV ist für uns jedoch sehr wichtig, weil er als Sprachrohr agiert, wenn es um attraktive Rahmenbedingungen für die Wirtschaft geht.»




In kleinen Schritten zur gelebten Inklusion

Seit der Gründung der BAND 1946 hat sich der Stellenwert für Menschen mit Beeinträchtigung in der Schweiz zwar massiv verbessert – und doch ist das Potenzial noch riesig. Häufig geht es dabei um Vorurteile, veraltete Denkmuster und fehlendes Wissen. «An Mobilitätsgestaltung und Barrierefreiheit für Menschen im Rollstuhl denken heute fast alle. Wichtig ist es aber auch, beispielsweise reizarme Räume zur Verfügung zu stellen, die Neurodiversität berücksichtigen.» Was rät Christoph Matter Unternehmen, die in Sachen Inklusion einen Schritt vorwärts machen wollen? «Mit Haltung beginnen. Inklusion ist zuerst eine Frage der inneren Überzeugung. Wer Vielfalt als Bereicherung versteht, schafft automatisch offenere Strukturen.» Zudem gehe es nicht darum, ab Tag eins ein umfassendes inklusives Geschäftsmodell zu leben. «Einzelne Praktika, angepasste Arbeitsplätze, Teilzeitlösungen oder Kooperationen zum Beispiel mit der BAND können erste Schritte sein, um Barrieren abzubauen und Erfahrungen zu sammeln.» Die Vorteile von inklusiveren Unternehmen liegen für Christoph Matter auf der Hand: «Die Wirtschaft profitiert von zusätzlichen Fachkräften und einem positiven Arbeitsklima. Die Gesellschaft gewinnt durch stärkeren Zusammenhalt und nachhaltige volkswirtschaftliche Entlastung.»




Herausforderungen und Chancen: eine Gratwanderung

Die BAND ist als Genossenschaft strukturiert und im Mehrheitsbesitz der Mitarbeitenden und so ist Christoph Matter zwar einem starken Verwaltungsrat, aber keinem externen Aktionariat verpflichtet. Entsprechend geniessen er und sein Team einen hohen Handlungsspielraum, sind aber angesichts der wirtschaftlichen Lage wie viele andere Unternehmen auch mit handfesten Herausforderungen konfrontiert. «In unserer Produktion haben wir seit Dezember 2024 Kurzarbeit.» Dies verblüffe viele, denn häufig werde angenommen, die BAND sei eine geschützte Werkstätte. «Dem ist nicht so: Unsere Löhne werden von unseren Kunden bezahlt und nicht von Spenden. Entsprechend stehen wir voll im Wettbewerb, der aktuell schwierig ist.» Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen geht die BAND laufend neue Projekte an: aktuell ein neues Kreislauf- und Logistikzentrum in Bümpliz. Hier sucht die BAND innovative Partner, um die zusätzliche Fläche gemeinsam zu bespielen. Wie findet Christoph Matter hier die richtige unternehmerische Balance? «Meine Aufgabe ist es, zusammen mit einem motivierten Team die BAND kontinuierlich weiterzuentwickeln. Einfach nur zu verwalten, hiesse Stillstand und so werden wir nicht noch einmal 80 Jahre überleben. Es geht darum, weniger rentable Bereiche zu stabilisieren und parallel dazu in Geschäftsfelder mit grosser Nachfrage zu investieren, in denen wir einen relevanten Beitrag leisten können.» Und so sicherzustellen, dass die BAND in Sachen inklusiver Geschäftsmodelle auch in Zukunft den Ton angibt.




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