Wirtschaftsupdate Q2: Starkes Quartal, trübe Aussichten
Im ersten Quartal 2026 überrascht der Kanton Bern mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig kämpfen Unternehmen mit steigenden Energie- und Lohnkosten bei kaum vorhandenem Preissetzungsspielraum – eine Kombination, die den Margendruck weiter verschärft.
Berner Unternehmen starten stark ins Jahr 2026. Nachdem die Berner Wirtschaft 2025 ein volatiles Jahr mit nur moderatem Wachstum verzeichnete, verlief das erste Quartal 2026 sehr erfreulich. Mit realen Werten im Bereich von 1,95 bis 2,46 Prozent bewegt sich das kantonale Wirtschaftswachstum deutlich über dem gesamtschweizerischen Schnitt von 0,89 bis 1,18 Prozent. Einmal mehr könnte dieser positive Impuls aber rasch verpuffen. Die Effekte des Irankonflikts sind in den Zahlen des ersten Quartals noch nicht enthalten.
Der Swiss Regional Economic Index (Swiss REco) ist eine aktuelle Schätzung des BIP-Wachstums im vergleich zum Vorjahresmonat. Die Schätzung von hpo forecasting und der Fachhochschule Graubünden setzt sich zusammen aus Verkehrsdaten, Stellenausschreibungen, Aussenhandelsdaten, Transaktionsdaten und Logiernächten.
Die Berner Warenexporte sind seit einigen Monaten rückläufig und leisten somit im ersten Quartal 2026 einen negativen Wachstumsbeitrag. Insbesondere Maschinenexporte, die rund 15 Prozent der Berner Exporte ausmachen, weisen seit Februar 2025 durchgehend negative Wachstumsraten im Vergleich zum Vorjahresmonat auf. Bei Exporten der Chemie- und Pharmaindustrie ist eine starke Volatilität zu beobachten. Dennoch konnte die Branche, die für rund ein Viertel der Berner Exporte verantwortlich ist, zwischen Mai und September 2025 deutlich wachsen. Seit Oktober weist aber auch dieser Sektor negative Wachstumsraten im Vergleich zum Vorjahr auf. Mit rund 34 Prozent der Warenexporte machen Elektronik- und Uhrenexporte den grössten Exportanteil aus. Nach einem positiven Wachstum im Jahr 2025 sowie einem deutlichen Anstieg im Januar 2026 verzeichnet auch diese Branche einen deutlichen Rückgang im Februar 2026.
Unsicherheitsfaktor Strasse von Hormus
Die Auswirkungen des Irankonflikts sind in der aktuellen Analyse noch nicht vollständig sichtbar. Zu Beginn des Jahres konnte insbesondere die energieintensive Industrie von einem Überangebot an Öl und Gas und somit von tiefen Preisen profitieren. Die Blockade der Strasse von Hormus und die Zerstörung von Energieinfrastruktur in der Golfregion wird sich aber auch in der Berner Wirtschaft bemerkbar machen. Die plötzliche Verknappung des Angebots von Öl und Gas hat bereits zu einer Erhöhung der Energiepreise geführt. Es kann erwartet werden, dass höhere Energiepreise über zwei Kanäle auf die Wirtschaft wirken: Einerseits steigen die Produktionskosten für Unternehmen, was Investitionen und Exporte hemmt. Andererseits führen höhere Verbraucherpreise zu einer Belastung des privaten Konsums. Beides dürfte das Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen. Die Stärke der Auswirkungen ist aber abhängig von der Intensität und Dauer des Konflikts. Im besten Szenario wird die Blockade rasch aufgehoben und das Wirtschaftswachstum verzeichnet nur einen minimalen Dämpfer. Bei einem länger anhaltenden Krieg mit substanzieller Zerstörung der Energieaufbereitungsanlagen könnte eine wirtschaftliche Stagnation resultieren.
Unternehmen müssen Margen sichern
Auch wenn die robuste inländische Nachfrage in den Bereichen Dienstleistungen, Detailhandel sowie Gastronomie und Hotellerie zu einem moderaten Wachstum im Jahr 2025 geführt hat, besteht ein hoher Druck auf die Margen, der in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird. Das Kostenumfeld für Unternehmen hat sich in den letzten Monaten deutlich verschärft. Einerseits besteht bei Fachkräften nach wie vor ein deutlicher Aufwärtsdruck bei den Löhnen. Der Reallohn stieg 2025 mit durchschnittlich 1,6 Prozent deutlich an. Andererseits haben die Energiekosten in den letzten Monaten merklich angezogen. Für Erhöhungen der Verkaufspreise sehen die Unternehmen aufgrund der unsicheren Nachfrage hingegen praktisch keinen Spielraum.
Unternehmen im Kanton Bern sind deshalb gezwungen, Kosten zu senken und Prozesse zu optimieren, um die Margen zu erhalten. Betriebe sind deshalb zurückhaltend bei Neueinstellungen und senken den Personalbestand ausserhalb ihres Kerngeschäfts. Dies führt dazu, dass die Zahl der Arbeitslosen zwischen Juni 2023 und März 2026 um rund 80 Prozent angestiegen ist, während die Zahl an offenen Stellen einen deutlich rückläufigen Trend aufweist. Die Arbeitslosenquote im Kanton Bern ist im gleichen Zeitraum von 1,3 Prozent auf 2,3 Prozent gestiegen.
Trotz der zahlreichen Unsicherheiten schaut die Berner Wirtschaft verhalten optimistisch auf die nächsten Monate. Der Binnenkonsum und die Bauwirtschaft sind nach wie vor stützend. Und auch das verarbeitende Gewerbe hält vorerst an der bestehenden Produktionsplanung fest. Insbesondere im Industriebereich sind die Risiken aber gross. Seit Mitte 2022 verzeichnet die Branche einen Rückgang der Auftragslage. Viele Unternehmen haben ihre Kapazitäten abgebaut und teilweise den Personalbestand reduziert. Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist es deshalb wichtiger denn je, die neue Legislatur von Grossrat und Regierungsrat zu nutzen und der Wirtschaft in den Richtlinien der Regierungspolitik höchste Priorität einzuräumen, um die Rahmenbedingungen der Berner Wirtschaft gezielt zu verbessern.